© Felbert/Reiter

Winterwandern - Schrittweise runter kommen

von Isabel Lindner 17. Januar 2018

für Wintermenschen für Genießer*innen für Naturfreund*innen

Fünf Tage lang reißen wir uns vom Alltagstrubel los – und suchen die Entspannung: Per pedes im Schnee und per Bahn zum Wilden Kaiser. Winterwandern bringt unsere Lebensfreude wieder auf Schiene.

Wim und ich verreisen gemeinsam zum ersten Mal. Es geht in die Berge Tirols, zum Wilden Kaiser, der Entspannung wegen per Bahn. Im Morgengrauen nehmen wir in Hannover die reservierten Sitzplätze im ICE ein, mittags zeichnen sich schon die ersten Alpengipfel ab und wir sollten unser gemütliches Reise-Wohnzimmer verlassen. Soviel konnten wir dank ICE-WLAN schon mal online checken: Vier Winter-Wandertouren für fünf Tage, schön gestaffelt nach Kondition und nach drei Orten des Wilden Kaisers – Ellmau, Going und Scheffau. Wir leisten uns den Winterwanderpass, mit dem wir jeden Tag bei allen Einstiegsbahnen der Region zwei Berg- und Talfahrten haben. Angesichts der zu erwartenden Anstrengung, sorgen wir mit einem deftigen Frühstück im Bord-Bistro vor: ein Teller Rührei, Knuspermüsli mit Himbeere, zwei Croissants, Kaffee und – weil sich Gemütlichkeit breitmachte – eine Portion Hopfenbräu für zwei. In Kufstein wechseln wir vom Zug zum Wilder Kaiser-Bahnhofshuttle und laden eine halbe Stunde später unser kleines Köfferchen in der gemütlichen Unterkunft aus. Wilder Kaiser: Da bist du ja!

© TVB Wilder Kaiser

Warmlaufen auf der Ellmauer Sonnenseite

Wer am frühen Nachmittag in den Alpen landet, kann mit dem Sportprogramm sofort starten: In die Wanderstiefel springen, die Daunenjacke überwerfen und ab in die Natur. Oder vielmehr auf die Winterwiese. Unsere erste Winterwanderung, die Wilder Kaiser-Runde, gehen wir in Ellmau an. Dort zieht eine Langlaufloipe im weiten Radius um den Golfplatz, verläuft schön flach am Fuße des zackigen Gebirges und schwingt wieder zum Ellmauer Dorfzentrum zurück. Neben der Loipe ist der Winterwanderweg, verirren ausgeschlossen. 5,8 km und kaum Höhenmeter, sagt unsere Wander-App. Der Atem gefriert, die Finger stecken tief in den Taschen. Nicht lange, dann wird uns warm. Die klare Luft tut gut. Wir nehmen den kleinen Abstecher zum Kaiserbad-Restaurant für einen heißen Punsch und spazieren zum Ausgangspunkt zurück. Die Runde verschafft einen herrlichen Überblick und liefert haufenweise Fotomotive – die schroffen Spitzen des Wilden Kaisers, die vereisten Farnwedel, schmucke Bauernhöfe aus Holz. Kaum zu glauben: schon am ersten Tag befinden wir uns nach entspannter Bahnreise sorglos mitten im Winterzauber.

Infos und Tourendetails

Adlerblick auf die KaiserWelt

© Felbert/Reiter

Die Brandstadl Gipfeltour am zweiten Tag unseres Winterurlaubes liegt eine Etage höher, auf den Bergen Scheffaus, und startet bei der Bergstation der Brandstadlbahn. Zum Einstieg der Gondelbahn kurven wir im Skibus – gemeinsam mit einer schnatternden Schar englischer Skischulgäste; einer Gruppe Freerider mit seltsamen Schnabelskiern und zwei holländischen Großfamilien, deren süße Dreikäsehochs Helme mit pinken Fellohren tragen. Wie herrlich! Welcher Fehlgriff wäre hier ein eigenes Auto: Ohne Tuchfühlung mit dem Ski-Publikum, dafür aber mit vereisten Scheiben, Stau und Parkplatzsuche. In acht Minuten gondeln wir unsportlich auf den Berg. Der Rundwanderweg „Brandstadl Gipfelkreuz“ ist mit einem Blick erfasst und mit wenigen Worten beschrieben: Ein Schritt aus der Gondel, zwei hinüber zum Gipfelkreuz, und nochmal drei rund um die Bergstation der Südbahn. Na ja, 1,3 km, eine halbe Stunde zu Fuß, aber das Schauspiel im Skigebiet fesselt uns für ganze drei Stunden. Die verglaste Veranda des Brandstadl-Restaurants ist der perfekte Logenplatz: Lifte kurbeln Skifans nonstop nach oben. Kids pfeifen in der direttissima die Senke hinunter, Gewusel hinter den Eisskulpturen im KinderKaiserland. Fast vergessen wir die Zeit – und fast vergessen wir, das Kaisergebirge im Fotomodus „Panorama“ einzufangen.

Infos und Tourendetails

Wege in die Winterstille

© Felbert/Reiter

„Zu wenig Training“, meint Wim. Mannomann, dafür haben wir uns in dieser kurzen Zeit aber schon richtig gut erholt und sind aus der urbanen Rush-hour ausgestiegen. Am dritten Tag werden die Muskeln gefordert, beim Marsch zur Graspoint-Niederalm in Going. 981 Meter hoch liegt die kleine Hütte, 5,7 km misst die ganze Tour. UND, es hat kräftig geschneit. Mit Linien- und Skibus geht’s zum zugeeisten Badesee Going. Ein schneefreier Forstweg leitet bis zur Abzweigung „Moor & More“, dann stapfen wir mühsam durch den Neuschnee. „Knietief waten“ sagen die Einheimischen hier. Das geht richtig in die Beine. Wir halten oft an und verschnaufen. Da nehmen wir auch die Stille wahr: Die Welt schläft völlig ein. Die dicke weiche Wattehülle schluckt jedes Geräusch. Ab und zu rutscht die weiße Last von Fichtenästen und pufft dumpf in den Pulverschnee. Leicht ansteigend geht es bergwärts auf ein Plateau zur Jausenstation Graspoint-Niederalm. Nichts wie hinein in die gute Stube! Wärmen, ausruhen, Tee trinken – wir sind geschafft. Die grandiose Szenerie – die urige Hütte, die sich vor den schroffen Kaiserwänden in den Schnee duckt – nehmen wir erst beim Verlassen wahr.

Infos und Tourendetails

Königstour auf des Kaisers Rücken

© Kathrin Hochfilzer

Der Schneerosenweg in Scheffau war unser Trainingsziel für den vierten Urlaubstag: 4 Stunden Wanderung über 11,3 km Länge auf 1170 Meter Seehöhe; mit Tee, Sitzunterlage und Wechselwäsche im Rucksack. Der erste Teil der Strecke am Hintersteiner See glitzert in purer Romantik. Ab der Pension Maier steigt der Wanderweg stetig an. Kurzweilig geht’s durch die verschneite Winterlandschaft. Auf den letzten Metern, kurz vor dem Ziel Walleralm, raubt uns der Panoramablick ins Inntal glatt den Atem! Die Hütten der Walleralm lugen sonnseitig aus dem Schnee, auf einer Holzbank davor lehnen wir uns an und genießen schweigend den heißen Tee. Das ist pure Erholung.

Den letzten Urlaubstag verbringen wir in unserer gemütlichen Pension, umgeben von schneebestäubten Bergen und in selten so ausgiebig erlebter Ruhe. Wir fühlen uns, als würde die Zeit stillstehen und sind ebenfalls zu Entschleunigung angehalten: Wir stehen spät am Vormittag auf, frühstücken, während uns die Wintersonne begrüßt, erkundschaften das kleine Örtchen und stimmen uns auf die Heimreise ein.

Zum Abschied erzählt uns der Wirt noch von den geführten Schneeschuhtouren mit einheimischen Guides. Ein Teil unseres nächsten Winterurlaubes ist also schon geplant. Wilder Kaiser, wir sehen uns wieder!

Facts zum Winterurlaub am Wilden Kaiser

Schnell und entspannt anreisen:

Die Region Wilder Kaiser ist fast aus ganz Deutschland mit der Bahn erstklassig erreichbar. Bahnreisende aus Norddeutschland, Berlin oder dem Gebiet Rhein-Rhur erreichen mit dem ICE in Hochgeschwindigkeit München und mit einem Umstieg den Zielbahnhof Kufstein. Weiters ist die Region über die Bahnhöfe Wörgl, Kitzbühel und St. Johann in Tirol angebunden. Mit dem Bahnhofshuttle (online buchbar) erfolgt der Transfer von Kufstein oder Wörgl direkt zur Unterkunft.

Mit der Wilder Kaiser GästeCard können zudem die regionalen Nahverkehrsmittel kostenlos genützt werden.

Günstig reisen:

Kufstein ist Grenzbahnhof, bis dorthin gelten für Deutschlandreisende Inlandstickets. Besonders günstige Tickets sind per Sparpreisfinder der Bahn erhältlich.

BahnCard Inhaber reisen übrigens günstig und flexibel.Dort angekommen wird man auf Wunsch mit dem Bahnhofsshuttle direkt zur Unterkunft gebracht. Übrigens, Kinder bis 15 Jahre fahren kostenlos Bahn, wenn ihr Ticket auf der Fahrkarte von Eltern oder Großeltern eingetragen wird; Kinder bis 5 Jahre reisen immer gratis.

Günstig mobil:

Kostenlose Skibusse verkehren innerörtlich in raschem Takt. Linienbusse verbinden die Orte der Region Wilder Kaiser untereinander und mit den umliegenden Städten Kufstein, Wörgl, St. Johann i.T. und Kitzbühel. Die Vor-Ort-Mobilität ist mit der Wilder Kaiser GästeCard gesichert. Diese erhält man ohne Aufpreis direkt bei der gebuchten Unterkunft.

Leicht reisen:

Leihen ist das neue Kaufen: Zahlreiche Sportartikelhändler bieten mordernste Ski, Snowboards, Rodel sowie Schneesport- und Wanderausrüstung zum Verleih an. Kinderhotels verleihen Kindertragen oder wintertaugliche Sportbuggys.

Isabel Lindner

Eigentlich liebt Isabel das Großstadtleben. Als Buchhalterin jongliert sie tagsüber mit den Zahlen einer bekannten Immobilienfirma. Nachts stürzt sie sich gerne mit ihren Freundinnen in das Nachtleben Stuttgarts. Doch wenn ihr der Feinstaub und Trubel der Stadt dann doch zu viel wird, verschlägt es sie zum Wandern in die Berge – gerne auch mal für mehrere Tage am Stück. Einfach mal offline sein, ganz im Einklang mit der Natur und sich ordentlich auspowern. Die Bergkulisse des Wilden Kaiser und die Küche der Gegend haben es ihr besonders angetan. Und natürlich auch der Schnaps.

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