© Mathäus Gartner
Naturschutzgebiet Kaisergebirge

So bewegen wir uns respektvoll durch den Winter

von Theresa Aigner Erstellt am 20. Dezember 2022

für Wintermenschen für Outdoor-Begeisterte für Naturfreund*innen für Wissenshungrige für Weltretter*innen

Der Wilde Kaiser mit seinen rund 40 Gipfeln ist Teil des Naturschutzgebiets Kaisergebirge, das bereits seit den 1960er Jahren existiert. Gerade im Winter ist es essenziell, sich damit zu befassen, wie man der Natur und insbesondere den Tieren respektvoll begegnet - denn jede Störung kann für sie lebensbedrohlich sein. Was es also zu beachten gilt, welche „Regeln“ insbesondere im Winter eingehalten werden müssen und warum wir insgesamt gut beraten sind, das eigene Wirken am Berg zu hinterfragen, wenn wir den alpinen Lebensraum auch für nachfolgende Generationen erhalten wollen, erklärt Schutzgebietsbetreuer Franz Goller im Interview mit dem Wilder Kaiser Blog.


© Franz Goller

Du betreust mit einem Kollegen unter anderem das Naturschutzgebiet Kaisergebirge. Was macht man da eigentlich?
Franz Goller: Als Schutzgebietsbetreuer übernehmen wir verschiedene Aufgaben. Das reicht von der Beratung von Grundstücksbesitzer*innen zu nötigen Maßnahmen im Gebiet, über die Beratung von Gemeinden, etwa wenn es um Renaturierungsmaßnahmen geht, bis hin zu Exkursionen ins Naturschutzgebiet, die wir begleiten. Wir betreuen aber auch wissenschaftliche Arbeiten vor Ort, sind Ansprechpartner für die Bundesforste und Tourismusverbände und vieles mehr. Kurz: Es ist sehr vielseitig.

Kommen wir gleich zum Thema Naturschutz, das uns als Tourismusverband ein großes Anliegen ist. Der Winter hat Einzug gehalten – was bedeutet das für die Natur am Wilden Kaiser, insbesondere für die Tiere?
Franz Goller: Das heißt für die Wildtiere vor allem, dass sie ihr Energie-Level herunterfahren müssen, weil weniger Ressourcen – sprich Nahrung – zur Verfügung stehen. Die Tiere können deshalb nicht mehr so viel Energie verbrauchen. Deshalb ist es extrem wichtig, dass es in ihrem Lebensraum ruhig ist. Jegliches Aufschrecken führt zu einem erhöhten Energieverlust, der nicht kompensiert werden kann. Das kann im schlimmsten Fall bis zum Tod führen. (Anm.: Mehr Infos zu Wildtieren und ihrem Schutz im Winter gibt's unter www.wilderkaiser.info/naturschutz.)

Welche Tiere leben eigentlich am Wilden Kaiser?
Franz Goller: Ein Tier, das sicher viele Menschen schon mal gesehen haben, ist die Gams. Aber es leben natürlich noch viele andere Tiere dort, vom Steinadler über Uhu und Waldkauz, bis hin zu Feuer- und Alpensalamander, zahlreiche Insekten, Murmeltier und noch viele mehr.

Auf welche Tiere gilt es im Winter besondere Rücksicht zu nehmen und wie?
Franz Goller: Für die Wildtiere ist im Winter das größte Problem, dass die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sind und man ihnen somit einfach ihren Rückzugsort nimmt. Wir können ja nach der Skitour nach Hause in unsere warmen Wohnungen mit vollem Kühlschrank fahren – das können die Tiere nicht. Wir befinden uns in ihrem Wohnzimmer, wenn wir in den Bergen unterwegs sind. Aber es gibt noch viele andere Ursachen, warum der Lebensraum der Tiere immer kleiner wird, das hat nicht zwangsläufig mit dem Winter zu tun.

Welche Ursachen sind das?
Franz Goller: Man muss sich das Kaisergebirge, also auch den Wilden Kaiser, wie eine Insel vorstellen. Denn die Tiere kommen da ja nicht weg. Sie können ein bisschen weiter hinauf, aber auch da ist schnell das Ende erreicht, weil es zu steil wird. Kurz: Sie können nirgendwohin ausweichen, wenn ihr Lebensraum knapper wird. Aber es ist ja nicht nur der/die Skitourengeher*in, der/die die Gams stört. Amphibien etwa halten eine Winterstarre, aber die haben das Problem, dass feuchte, stehende Gewässer immer weniger werden und somit keine Laichplätze mehr gefunden werden. Oder dass Bäche verbaut und Böden überdüngt werden. Es kommen wie gesagt zahlreiche Ursachen zusammen, die den Lebensraum der Tiere verknappen.

Was können wir als Menschen tun um uns möglichste respektvoll gegenüber diesem Lebensraum zu verhalten?
Franz Goller: Man kann einfach mal darüber nachdenken, dass man ja nicht der/die Einzige ist, der/die eine Skitour ins Ellmauer Tor unternimmt. Denn eine*r ist nicht das Problem, es ist die Summe. Man darf nicht immer nur sich selbst sehen, sondern alle Faktoren beachten. Das Bewusstsein, dass es ein Naturschutzgebiet ist, muss größer werden. Dazu gehören auch vermeintlich banale Dinge wie: Hunde an die Leine, am Weg bleiben oder nur unter Tags und nicht in der Dämmerung gehen.

Danke, dass du...

  • ... auf markierten Wegen bleibst, Beschilderungen beachtest und keine Abkürzungen im Gelände nimmst!
  • ... Baum- und Strauchgruppen, Wildfütterungen, sowie schneefreie Äsungsflächen meidest und wenn möglich umgehst!
  • ... dich während der Sonnenaufgangszeit und Dämmerungs- und Nachtstunden nicht im Wald oder am Berg aufhältst!
  • ... Abstand hältst und dich nicht aktiv Wildtieren näherst - ein Fernglas ist die bessere Alternative!
  • ... Lärm vermeidest!
  • ... deinen Hund an die Leine nimmst!
  • ... Rücksicht auf die natürlichen Bewohner von Berg und Wald nimmst!

Wo muss man ansetzen, um mehr Bewusstsein dafür zu schaffen?
Franz Goller: Das Bewusstsein muss vor allem in der einheimischen Bevölkerung wachsen. Der Gast ist nicht das Problem. Das belegen auch Studien: Es sind vor allem die Einheimischen, die „überall“ unterwegs sind, die Gäste sind nur kurz da und lassen sich besser leiten. Einheimische hingegen gehen gerne „ihren eigenen Weg“ und der Gast geht dann vielleicht nach – natürlich auch, weil immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind und alle das individuelle Erlebnis suchen. Das ist ein Problem. Wenn man es schafft, die Einheimischen für dieses Thema zu sensibilisieren, dann werden die zu Botschafter*innen und können wiederum auch die Gäste auf diese Dinge aufmerksam machen. Aber ich gebe zu: Es ist nicht einfach, das den Einheimischen näher zu bringen, weil da jede*r glaubt, er/sie kennt sich am Besten aus.

Mit welchen Argumenten sollte man es insofern versuchen?
Franz Goller: Wir sollten uns einfach bewusst machen, dass das unser aller Erbe ist. Von allen, die da rund herum leben. Und auch der Generationen, die nach uns kommen. Ein Naturschutzgebiet hat niemanden zu nutzen – es ist gut, wie es ist. Es geht nicht immer um uns und dass man aus allem etwas „raus holen“ muss. Man muss das Bewusstsein dafür schärfen, warum es so besonders ist.

Apropos „besonders“: Wie lange wird es noch so besonders bleiben? Stichwort Klimawandel. Gibt es in deinen Augen überhaupt noch die Chance, das Ruder herumzureißen?
Franz Goller: Ich sehe es gar nicht so negativ. Es gibt Lösungsansätze, wir wissen eigentlich ziemlich genau, was wir machen müssen. Wenn wir das endlich mal ernst nehmen und ernst meinen, dann schaut es gar nicht so schlecht aus. Ich möchte mich lieber mit Lösungen beschäftigen, als mich in einer Höhle zu verkriechen und zu denken, „es ist eh alles beim Teufel“. Es gibt so viele innovative Ideen, man kann so viel machen – es ist wirklich nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken.

Franz Goller (38) ist Schutzgebietsbetreuer des Landes Tirol und betreut u.a. das Schutzgebiet Kaisergebirge. Als Biologe war ihm Naturschutz stets ein Anliegen, dem er einerseits im Ausland und andererseits auch beim Österreichischen Alpenverein nachgegangen ist. Seit 2018 arbeitet er in der Tiroler Schutzgebietsbetreuung, darüber hinaus für den Verein natopia, der in der der Natur- und Umweltbildung tätig ist. Er ist außerdem Bergwander- und Naturführer.

Theresa Aigner

Als gelernte Journalistin freut sich die nunmehrige Presse-Verantwortliche der Region Wilder Kaiser immer, wenn sie einen Beitrag für unseren Blog gestalten darf. Egal ob Bergsport, Kulinarik, Politik oder Kultur – diese Frau hat zu jedem Thema tausend Fragen und stellt sie schon mal in einer Geschwindigkeit, dass ihren Gesprächspartner*innen hören und sehen vergeht. Nur gut, dass Theresa die vielen Gespräche mit interessanten Menschen aus der Region am liebsten schriftlich dokumentiert – und hier genug Platz zum Teilen hat.

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