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Sommerverlängerung am Wilden Kaiser

Klettern, bis der Winter kommt

von Marlies Czerny 23. Oktober 2021

für Adrenalin Junkies für Outdoor-Begeisterte für Kraxler*innen

Natürlich, ein Kletter-Kurztrip im Herbst kann dich nach Korsika, Paklenica oder zum Lago di Garda führen. Oder aber zum Koasa! Wir verraten dir die Ecken und Kanten, wo das Sommergefühl bis in den Winter anhält.

Die Früh-Motivierten posten längst Bilder von Skitouren und Nordwänden. Und wir? Sehnen uns nach Sommer, nach seiner Verlängerung. Noch einmal den warmen Felsen unter den Finger spüren! Das geht am Wilden Kaiser selbst dann noch prächtig, wenn andere bereits zum fünften Mal ihre Skier wachsen. Je kürzer die Tage werden, umso mehr muss man aber beachten.

Einer, der bis Weihnachten in der Regel auch noch lieber am Felsen klettert als über Pisten brettert, ist Andy Schonner. „Mit den Skitouren fang‘ ich erst an, wenn der Schnee wirklich da ist“, sagt der Bergführer aus Ellmau. Denn selbst wenn der Koasa nach dem ersten Schneefall angezuckert ist, lassen sich einige südseitig ausgerichtete Wände noch tadellos klettern, weiß Andy aus langjähriger Erfahrung. Schon mit acht unternahm er mit seinem Vater die erste Klettertour im Koasa – und mit 20 Jahren durfte er als Bergführer selber Gäste ans Seil nehmen.

Genauso zum Herbst wie der Kürbis gehört auch der Kaiserfels - und das hat ganz simple Gründe: Für einen derart schroffen und eindrucksvollen Gebirgsstock ist seine Höhenlage vergleichsweise gering – viele Klettertouren liegen zwischen 1500 und 2000 Meter Seehöhe. Gute Ausgangspunkte liegen schon ein gutes Stück über dem Talboden, zum Beispiel der Jägerwirt (900m) und die Wochenbrunneralm (1000m). Daher sind viele Zustiege überschaubar in ihrer Länge. Durch die Ost-West-Ausrichtung des Wilden Kaisers gibt es naturgemäß eine breite Südseite und die bietet Klettereien in allen Längen und Schwierigkeitsgraden. Manche Routen tragen sogar schon im Namen, wann die beste Zeit für sie gekommen ist, so die „November Sun“ (7-) an der Multerkarwand oder der „Dezemberfrühling“ (7/A0) an der Maukspitze.

Erntezeit im Klettergarten

In den Klettergärten wie jenen am wunderschönen Schleierwasserfall – ein Paradies für „Hardmover“ – oder in Achleiten ist selbst an sonnigen Wintertagen „Erntezeit“ für die Früchte des ganzjährigen Trainings. Aber auch mit den Mehrseillängen-Klettertouren muss bei schönem Wetter noch länger nicht Schluss sein. Für Andy Schonner ist der Spätherbst zum Beispiel die perfekte Zeit für den Ostkaiser rund um die Ackerlhütte. Zwischen Maukspitze und Kleinem Törl gibt‘s für jeden Geschmack genügend Auswahl – von den Sportklettertouren am Niedersessel bis hin zu den Klassikern am Waxensteiner Turm (Andys Empfehlung: die Göttner (5+) an der Südwand) oder an der Hochgrubachspitze. Auch der bereits erwähnte Dezemberfrühling ist hier in der oberen Südwand der Maukspitze zu finden.

Wind, Schnee, Schatten, Finsternis

„Den Wind und die Kälte darf man dabei aber nicht ganz vergessen. Wenn du in den Schatten kommst, wird’s sofort saukalt“, spricht Andy aus Erfahrung. „Mir ist es sogar schon passiert, dass ich ums Eck einen Griff suchte und dort im Schatten die Eisglasur klebte.“ Bei zweifelhaften Verhältnissen oder an kurzen Tagen ist es daher clever, wenn man eine Tour wählt, in der man einen Rückzug antreten und sich abseilen kann. Die Routenbeschreibung, das Topo und das Wandbild wollen also besonders gründlich studiert werden, damit es im Abstieg keine bösen Überraschungen gibt. „Vor allem sollte man keinen Abstieg über Scharten wählen, wo bereits Schnee drin liegt.“

Nun ist es aber gar nicht so einfach, sich und seine Tour richtig einzuschätzen. Wie geht man das am besten an? „Da muss man sich langsam reinarbeiten – und mit leichten Touren starten“, empfiehlt Andy. Den alpinen Charakter in vielen – vermeintlich einfacheren – Touren am Kaiser darf man keinesfalls unterschätzen. „Es ist halt kein Klettergarten und viel mehr zum Aufpassen. Da muss man schon sehr viel Selbstverantwortung übernehmen.“

Kürzere Tage, längere Planung

Dazu gehört im Herbst noch mehr als sonst: gut auf die Zeit zu achten. „Es wird früher dunkel, das erfordert eine gute Zeitplanung.“ Zu wissen, wann die Sonne untergeht und wieviel Zeitreserven man noch hat, gehört zur guten Vorbereitung und zur laufenden „Hochrechnung“: Für die bisherigen drei Seillängen habe ich so lange gebraucht – vier sind noch übrig, geht sich das aus? Wenn die Rechnung knapp erscheint, gibt es nur einen richtigen Weg: Rechtzeitig mit dem Abstieg anzufangen und sich hier auch Puffer einzuplanen – vor allem beim Abseilen. „Eine Stunde ist beim Abseilen schnell vorbei, selbst wenn alles gut läuft.“ Sich in die Finsternis hinabzulassen – auch wenn man die Stirnlampe dabeihat – kann schwierig bis unmöglich werden, und ein „Seilverhänger“ kann dann zu schnell zu einer Sackgasse in der Senkrechten werden.

Wer alles Wesentliche beachtet, wird seinen Sommer an den kaiserlichen Felsen noch sehr fein in die Länge ziehen können. Und nicht nur das: Er wird auch eine Ruhe erleben, wie man sie zur Hauptsaison nur selten findet. Außerdem entfaltet das Klettern im Spätherbst seinen ganz eigenen Charme schon beim morgendlichen Start, wenn man vielleicht noch im Nebel steckt und die Zustiegsschuhe durch das herabgefallene Laub rascheln. Je kühler der Morgen, umso bezaubernder die ersten Sonnenstrahlen, die durch die bunten Baumkronen fallen und die kalten Glieder wärmen. Die Blätter der Ahornbäume sind bei der Ampelfarbe Rot angekommen und die Lärchen leuchten in Gelb.

Wann wohin?

Welche Gebiete und Routen eignen sich denn auch später im Jahr noch für Begehungen? Natürlich jene, die südseitig ausgerichtet sind, sonnenklar! Allerdings ist auf die vielen Kare, Grate und Kamine zu achten, die auch im „Süden“ unverhofft viel Schatten spenden können. Ausgesprochen viel Sonne erhascht man zum Beispiel in der Südwand am Leuchsturm oberhalb der Gruttenhütte – die steilen, alpinen Sportkletterrouten „Whisky & Cigarettes“ (8+) oder „Sex’n Bolt’s & Rock’n’Roll“ (8+) sind auch perfekt zum Abseilen eingerichtet. Wer nur ein nachmittägliches Kletterfenster hat, der erwischt an der Multerkarwand unterhalb des Treffauers noch die letzten Sonnenstrahlen – so wie im November 2016 Marcus Sappl (der im übrigen TourismusManager von Scheffau ist) und Hans Zott bei der Erstbegehung ihrer Tour „November Sun“. Viele Möglichkeiten gibt’s hier an den Westwänden und die Routen sind gut zum Abseilen eingerichtet.

Andy Schonners „Wirtskante“ (6+) an der Karlsspitze ist bereits zu einem modernen Klassiker gewachsen. Sie ist auch im Spätherbst durchaus eine Empfehlung – mit ihren sechs Seillängen, über die man sich wieder abseilt, ist die Länge der Tour überschaubar. Das Timing ist aber auch hier wichtig: Es dauert am Vormittag etwas, bis die Sonnenstrahlen ums Eck wandern und zum Einstieg fallen – besser einen „Kaltstart“ in Kauf nehmen. „Und je länger die Touren werden, umso schneller muss man halt klettern“, rät Andy Schonner. Er denkt da zum Beispiel an die südseitigen Routen am Sonneck und an der Kopfkraxe wie die „Blue Moon“ (6+) oder „Via Romantica“ (6+). Oder auch an den einfacheren „Kraxengrat“ (4-), der südostseitig auf die Kopfkraxe verläuft.

Nicht alle können es übrigens erwarten, bis der Frühling die kalkgrauen Felsen wieder ganz den Kletterern und Bergsteigern übergibt. Wer in den Wandbüchern blättert, der sieht, dass selbst Winterbegehungen am Koasa mittlerweile keine Seltenheit sein. „Ski&Climb“ steht da zum Beispiel in der Wirtskante an einem Jännertag, „what a perfect day!“

Alle Infos zum Klettern am Wilden Kaiser gibt's hier.

Marlies Czerny

Marlies Czerny war als erste Österreicherin auf allen 82 4.000er der Alpen - dabei hat sie ihre Leidenschaft für die Berge relativ spät und mehr oder weniger durch Zufall entdeckt. Aber: Was vor 12 Jahren mit einer kleinen Wanderung im Urlaub begann, sorgt inzwischen für zahlreiche Abenteuer und eine beeindruckende Bilanz: Die ehemalige Journalistin hat nicht nur die höchsten Gipfel der Alpen bestiegen und ein Buch darüber geschrieben, sondern widmet sich gemeinsam mit Seil- und Lebenspartner Andi Lattner komplett dem Bergleben - zusammen touren sie mit dem Bus, der mittlerweile die Wohnung ersetzt, an unzählige spannende Orte und erzählen als hochzwei.media in Wort und Bild über ihre Abenteuer.

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