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Interview

Rosanna Buchauer: Von der Hobby-Läuferin zur Spitzen-Trailrunnerin

von Theresa Aigner Erstellt am 24. April 2023

für Sommermenschen für Outdoor-Begeisterte

Rosanna Buchauer hat nicht nur die vergangene Ausgabe des Kaiserkrone Trail Marathons in Scheffau gewonnen, sie ist aktuell die erfolgreichste Trailrunnerin Deutschlands und hat 2023 allerhand vor. Von der „Heim-WM“ der Wahl-Innsbruckerin Anfang Juni bis zum UTMB Ende August in Chamonix steht allerhand in ihrem Rennkalender. Am Wilden Kaiser trainiert Rosanna regelmäßig für die kommende Saison – warum das ein ideales Terrain dafür ist und für sie auch mal ein Stück Kuchen zu einem erfolgreichen Training gehört, erklärt die 32-Jährige im Interview.

Ob Woher kommt deine Leidenschaft fürs Laufen?
Meine Leidenschaft fürs Laufen kommt über die Leidenschaft für Berge. Mein Opa war Bergführer und wir waren mit Oma und Opa schon immer viel in den Bergen. Wir haben schon als kleine Kinder auf Hütten übernachtet und das war etwas, das ich immer schon cool gefunden habe. Mir hat es als Kind auch gefallen, alleine im Wald unterwegs zu sein bzw. dort herum zu laufen. Ich bin dann auch schon zu Schulzeiten einfach mal eine Runde Laufen gegangen, was doch eigentlich eher untypisch ist. Später war ich auf Austausch in den USA und auch da bin ich immer Laufen gegangen, weil ich gewusst habe, da bin ich alleine und für mich mit meinen Gedanken. Irgendwann sind meine beiden Hobbies – „normal“ eine halbe Stunde joggen und Berggehen – zum Berglaufen verschmolzen.

Wann war das als du zum Berglaufen angefangen hast?
Das war im Jahr 2014, da habe ich angefangen statt in Innsbruck nur am Inn entlang, auch mal auf die Höttinger Alm oder auf die Seegrube zu laufen. Aber ich hab eigentlich erst danach entdeckt, dass das ein „echter“ Sport ist und es auch Wettkämpfe gibt. 2015 bin ich dann bei meinem ersten Trailrun mitgelaufen.

Von Kind auf vertraut mit dem alpinen Gelände zu sein hilft sicher – also auch jetzt, wenn du alleine in den Bergen am Trainieren bist, oder?
Ja, absolut. Man hat gewisse Dinge einfach gelernt und verinnerlicht. Zum Beispiel, dass man auch im Sommer immer eine Windjacke dabei hat oder dass man immer was zum Trinken mitnimmt. Das hat man einfach über das klassische Wandern schon mitbekommen, dass das Wetter am Berg einfach schnell umschlagen kann und dass man planen muss. Ich schaue mir immer bevor ich Laufen gehe den Wetterbericht an, wie viel Grad es oben hat und ich hab immer eine Rettungsdecke dabei.

Wann hast du bemerkt, dass du eigentlich ziemlich gut bist, in dem was du machst?
2015 hab ich an meinem ersten, langen richtigen Berglauf teilgenommen, dem Großglockner Ultratrail. Da hab ich gemerkt, dass ich gut bin, weil ich total überraschend - auch für mich selbst - bei den Damen den zweiten Platz gemacht habe. Da dachte ich dann, „wow, hier sind Leute, die das spezifisch trainieren“ und hab mich gefragt, ob ich auch spezifisch trainieren sollte – hatte dabei aber schon die Sorge, dass ich mir damit evtl. die Freude daran nehmen könnte. Aber natürlich war da auch der Gedanke: „Vielleicht geht da noch mehr, wenn ich mich gezielt auf sowas vorbereite?“ Das hat dann aber noch gedauert, weil ich mir das Laufen wirklich nicht kaputt machen wollte. Von 2016 bis 2018 habe ich mir die Rennen danach ausgesucht, wo ich gerne mal auf Urlaub hin wollte. 2019 meinte eine Freundin ich soll es mal mit Trainer probieren, das habe ich dann 2020 wirklich versucht – mit dem Ansatz, dass ich es ja wieder lassen kann, wenn mir das keinen Spaß macht. Es hat mir aber großen Spaß gemacht das so professionell anzugehen und seit Weihnachten 2020 trainiere ich jetzt wirklich mit Trainerbegleitung.

Wie hat sich dein Training dadurch verändert?
Vorher bin ich einfach nach Zeit und Wetter laufen gegangen. Wenn Wochenende und schönes Wetter war, war ich 3 Stunden unterwegs. Nach der Arbeit hatte ich meine Standardrunden, bei schlechtem Wetter war es die „Siedlungsrunde“, wenn es schön war bin ich immer auf den gleichen Gipfel zum Sonnenuntergang gelaufen. Dabei habe ich auch noch den typischen „Anfängerfehler“ gemacht und war immer im mittleren Herzfrequenz-Bereich unterwegs, also nie ganz hoch, nie ganz nieder. Das hat sich durch den Trainer sehr geändert. Der sagte mir: „Die Stunde läufst du mit niedrigem Puls, bei den Intervallen musst du bergauf wirklich an deine Grenzen gehen.“ Damit - also 5 bis 10 Minuten wirklich an mein Maximum zu gehen –hab ich mir anfangs sehr schwer getan, aber auch dafür hab ich dann meinen Rhythmus gefunden. Also diese Struktur aus hohem und niedrigen Trainingsreiz war sicher die größte Veränderung.

Und du arbeitest seither mit dem gleichen Trainer?
Ja, wir haben uns gemeinsam weiterentwickelt. Da geht’s auch nicht mehr nur ums Laufen selbst, auch Themen wie Ernährung und Schlaf spielen da eine Rolle.

Das heißt du bemühst dich, nicht zu spät ins Bett zu gehen oder machst du spezielle Dinge für deine Schlafqualität? Und was die Ernährung betrifft – welchen Regeln folgst du? Und wie viel mehr Aufwand und Planung erfordern diese Dinge?
Beim Schlaf schau ich vor allem auf die Stundenanzahl, also dass ich mindestens meine 7-8 Stunden bekomme. Die Ernährung ist ein Thema, wo ich sicher noch viel schrauben könnte. Wo ich mich aber gleichzeitig frage, wie viel ich überhaupt daran schrauben möchte, weil ich glaube Ernährung hat auch sehr viel mit Freude und Glücksgefühlen zu tun. Insofern versuche nicht allzu streng mit mir zu sein – zum Beispiel wenn wir mit Freunden kochen und zur Nachspeise gibt’s Schokolade oder Eis, dann will ich nicht darauf verzichten müssen. Weil ich glaube, dass da das Mentale, die Freude im Vordergrund steht. Ich mache mir auch keinen Essensplan, ich schaue einfach, dass ich sehr viel Gemüse und frisch esse. Aber im Rahmen des Möglichen – also was man im Restaurant bekommt oder Zuhause in der vorhandenen Zeit kochen kann.

Du redest sehr „gesund“ übers Essen. Was am Laufsport leider schon auffällig ist, dass Körper und Gewicht, insbesondere beim Skyrunning, ein riesen Thema ist. Und wie in so vielen anderen Bereichen wird auch hier über die sozialen Medien ein Körperbild transportiert, das vor allem „dünn“ und „leicht“ sein, in den Vordergrund stellt. Wie nimmst du das wahr?
Das kann ich leider bestätigen, dass das eine sehr große Gefahr im Laufsport ist, wenn man da nicht gut auf sich schaut. Vor allem deshalb, weil man es beim Skyrace oder kürzeren Rennen tatsächlich merkt, wenn man zwei bis drei Kilo weniger hat. Man ist mit gleichem Trainingsumfang merklich schneller. Und wie du sagst - insbesondere über die Bilder, etwa auf Instagram, wird eine gefährliche Mischung von „dünner werden“ und Leistungssteigerung transportiert. Was ich diesbezüglich aber in meinem Umfeld unter Athletinnen und Athleten beobachtet habe ist, dass dieser „Erfolg“ nur von kurzer Dauer ist. Die Athlet*innen denen ich folge bzw. die ich bewundere und die meiner Meinung nach das gesündere Körperbild haben, sind auch diejenigen, die länger im Sport und vor allem auch verletzungsfrei sind.

Also kurz zusammen gefasst: Lieber ein paar Kilo mehr, dafür langfristig und verletzungsfrei erfolgreich im Sport?
Genau, das ist auch mein Ansatz. Ich muss schon zugeben, dass das vielleicht mein “Laster” ist – da mal ein Stück Schokolade oder hier ein Stück Kuchen. Natürlich habe ich mich schon öfter gefragt, ob es sinnvoll wäre, wenn ich das ganz weglassen würde. Gleichzeitig denke ich mir aber auch: Meine zwei letzten Jahre waren super, ich bin verletzungsfrei geblieben – also fühle ich mich schon bestätigt und will so weitermachen. Und zum Glück gibt’s ja auf Social Media auch einige Vorbilder, die das dann schon auch zum Thema machen. Etwa, dass sie ein krasses Rennen gewinnen und dann zeigen, dass sie ganz “normal” essen. Und gerade für längere Distanzen, also zb. im Ultrabereich, da braucht der Körper ja eine wahnsinnige Stabilität und etwas von dem er zehren kann – sonst ist die Verletzungsgefahr auch wieder extrem hoch.

Apropos Social Media: Was man dort schon auch stark beobachten kann ist, dass etwa Trailrunning oder Skitouren gehen bzw. generell in der Natur unterwegs sein, ein großer Trend ist. Merkst du das auch?
Ja, definitiv. Man wird nicht mehr komisch angeschaut, wenn man mal einen Laufrucksack oder Stöcke dabei hat. Das merkt man über Social Media, aber auch von Familie und Freund*innen kommen spezifische Fragen. Und natürlich werde ich auch nach Tipps gefragt, was gute Strecken für Einsteiger*innen sind. Wurde man früher als “verrückt” abgestempelt, ist es jetzt eigentlich “cool”.

Das könnte ja auch für die Heim-WM in Innsbruck bzw. Stubai Anfang Juni relevant sein – da wird sicher viel Interesse vorhanden und somit Publikum anwesend sein.
Ja, darauf freue ich mich sehr. Weil das wohl eines der ersten Rennen für mich sein wird, wo wirklich viele bekannte Gesichter an der Strecke sind. Durch die Streckenführung sind viele Punkte gut mit dem Auto oder Öffis erreichbar und man kann sich sehr gut positionieren. Gleichzeitig erzeugt das aber auch Druck, dass da Leute aus all meinen Lebensbereichen sein werden. Bisher sind halt engste Freunde und Familie mit nach Frankreich oder Italien gefahren, in der Innsbrucker Altstadt stehen dann vielleicht auch Kolleg*innen und viele andere, bekannte Gesichter.

Was ist dein sportliches Ziel für die WM? Und wie spielt das in dein Training hinein?
Die WM ist schon eines meiner Hauptziele, weil sie vom Datum und der Strecke her gut liegt. Und natürlich möchte ich zuhause die beste Leistung abrufen. In der Vorbereitung versuche ich eher mit den Erwartungen und dem selbstgemachten Druck umzugehen, weil die Nominierungen zum jetzigen Zeitpunkt noch ausstehen. Meine Chancen stehen schon sehr gut, aber aktuell liegt der Fokus auf Vorbeugung von Verletzungen und guter Vorbereitung.

Was machst du konkret zur Verletzungsprävention?
Ganz wichtig – und das kann ich jedem empfehlen, egal ob Hobby- oder Leistungssportler*in – sich wirklich regelmäßig physiotherapeutisch oder orthopädisch anschauen lassen. Nicht im Sinne dessen, dass man gleich eine längere Therapie anfängt, sondern einfach mal überprüfen, ob zb. die Fußstellung passt, etc. Die Fachleute können da so viel erkennen und zwar schon bevor einem was weh tut. Auch die Schuhe mal zum Fachmann bringen, nicht, dass man vier Mal in der Woche mit den falschen Schuhen läuft. Und auch Kleinigkeiten wie ein Zwicken am Morgen ernst nehmen, weil normalerweise hat man eh ein sehr gutes Gefühl für den Körper. Was auch sehr wichtig ist: Regelmäßig 20-25 Minuten Stabilitäts- und Krafttraining zur Ergänzung des Trainings. Das wird unterschätzt und man kann es ganz leicht vor oder nach dem Abendessen auf der Yogamatte zuhause machen.

Abseits der WM – was sind die weiteren Highlights in deinem heurigen Rennkalender?
Die WM ist wirklich ein Highlight, jedoch bin ich bereits im März auf die Kanaren (La Palma) geflogen und habe hier beim Rennen „Acantilados del Norte“ das erste Testrennen absolviert. Als spezifisches Rennen in der Vorbereitung für die WM nehme ich in Spanien Ende April beim Penyagolosa Trail über 60km teil. Das wird sehr spannend, da es gleichzeitig die spanische Meisterschaft im Trailrunning und die WM Qualifikation der Spanier*innen wird. Somit ist das Feld sehr stark besetzt. Dann schauen wir mal, wie die WM läuft und was mein Körper sagt. Ein weiteres, großes Hauptziel wäre dann schon noch mal der UTMB in Chamonix. Da überlege ich noch welche Strecke, aber wahrscheinlich werden es wieder die 100 Kilometer.

Da hast du vergangenes Jahr den hervorragenden 5. Platz gemacht – was ist heuer dein Ziel und welche Erinnerungen hast du an das Rennen? Das ist ja für viele Läufer*innen ein Lebenstraum einmal dort starten zu dürfen.
Auch dieses Jahr ist es mein großes Ziel wieder so müde wie möglich die Ziellinie zu erreichen. Das Gefühl alles gegeben zu haben und unter dem großen Torbogen, begleitet von einer jubelnden Menschenmasse, durchzulaufen ist unbeschreiblich schön. Ich möchte dieses Jahr erneut sehr gut vorbereitet am Start stehen und schauen, ob ich es noch einmal schaffe, ein Rennen so nach Plan durchzuziehen wie es zum Glück 2022 der Fall war. 100km sind lang und es kann viel passieren, deswegen bleibe ich gespannt und blicke mit großem Respekt auf die erneute Herausforderung.

Ein Rennen, das schon bald nach der WM ansteht, ist natürlich auch der Kaiserkrone Trail in Scheffau, wo du vergangenes Jahr den Marathon (56 KM & 3800 HM) mit 07:13:58,08 gewonnen hast. Bist du heuer wieder am Start und was ist dort dein Ziel?
Leider kann ich dieses Jahr nicht am Start stehen, da der Abstand zur WM und die Erholungszeit für mich einfach zu gering sind. Vielleicht mache ich aber an dem Tag eine Trainingseinheit und feure an. Die Stimmung und die Strecke sind einfach super!

Nachdem der Wilde Kaiser ja auf deinem “Heimweg” nach Bayern liegt, freuen wir uns sehr, dass du auch immer wieder mal einen Zwischenstopp zum Trainieren bei uns einlegst. Was schätzt du an der Gegend und warum ist es ein gutes Trainingsterrain für eine Trailrunnerin?
Genau, für mich ist es perfekt, weil es ziemlich genau auf der Hälfte von Innsbruck ins Chiemgau liegt. Ich schätze besonders die Vielfalt der Gegend. Im Sommer bin ich fast nur laufend unterwegs und dann ist es schön besonders die langen Einheiten mit zwei bis vier Stunden auf den Trails variieren zu können. Auch jetzt im Frühjahr kann ich hier schon eine längere Strecke mit vielen Kilometern und doch einigen Höhenmetern machen. Möchte ich im Sommer eher technisch und steil unterwegs sein, dann bieten sich schöne felsige Trails und Gipfel an. Durch die Tourismusorte Ellmau, Going, Scheffau und Söll finde ich im Anschluss auch immer noch einen perfekten Ausklang bei Kaffee und Kuchen oder deftigem Essen.

Theresa Aigner

Als gelernte Journalistin freut sich die nunmehrige Presse-Verantwortliche der Region Wilder Kaiser immer, wenn sie einen Beitrag für unseren Blog gestalten darf. Egal ob Bergsport, Kulinarik, Politik oder Kultur – diese Frau hat zu jedem Thema tausend Fragen und stellt sie schon mal in einer Geschwindigkeit, dass ihren Gesprächspartner*innen hören und sehen vergeht. Nur gut, dass Theresa die vielen Gespräche mit interessanten Menschen aus der Region am liebsten schriftlich dokumentiert – und hier genug Platz zum Teilen hat.

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