© TVB Wilder Kaiser
Der alpenhistorische Durchbruch in den 7. Grad (UIAA)

Pumprisse - Klettertour im Kaisergebirge

von Irmgard Braun 20. Juni 2017

fĂĽr Adrenalin Junkies fĂĽr Outdoor-Begeisterte fĂĽr Kraxler*innen

Meine Erinnerungen an eine Begehung der Pumprisse im Jahr 1981. Lachen erlaubt!

Der Anlass: Am 10. Juni 2017 wurde das 40-jährige Jubiläum der Erstbegehung durch Helmut Kiene und Reinhard Karl beim Koasa Kletterfest'l gefeiert. Es war die erste mit dem 7. Grad bewertete Routen in den Alpen.

Der Chaos-Kletterer hatte letztes Jahr 2000 Flugmeter geschafft: 600 Meter eine Eisrinne hinunter, 70 Meter, indem er zweimal hintereinander kurz vor dem Ausstieg einer Klettergartenroute abkippte. Die restlichen 1330 Sturzmeter kamen durch mĂĽhsame Kleinarbeit in den verschiedensten Routen zusammen. Und darauf war er zu Recht stolz.

Mit diesem erfahrenen Partner konnte eigentlich nichts schief gehen an den legendären Pumprissen, obwohl ich höchstens eine Sechser hinaufkam. Damals im Sommer 1981, vier Jahre nach der Erstbegehung der Pumprisse, da war „Sieben“ noch ein Wort, das den Freaks im Hessigheimer Felsengärtle Schauer der Ehrfurcht über den Buckel rinnen ließ. Wer eine Sieben im Gebirge schaffte, der gehörte zur Prominenz. Dafür wollte ich sogar einen Riss klettern.

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Am Parkplatz an der Griesner Alm dösten wir, auf den Sitzen eines VW-Käfer verpuppt, bis der Regen aufhörte. Es war 12 Uhr mittags. „Für die sechs Seillängen langt es noch locker“, sagte mein Vorsteiger. „Und der Zustieg ist bloß ein Fünfer, glaube ich, da sind wir gleich durch.“

Der „Zustieg“ zu den Pumprissen ist die „Brandler“, V+, A1. Wo die V+-Stellen sind, weiß ich nicht. Ich bin fast nur in der Trittleiter gestanden, schließlich wollte ich mein Können im ersten Siebener der Alpen beweisen und nicht in einer albernen Fünf. Gut, dass wir ein paar Stunden brauchten bis zum Quergang, mit dem die eigentlichen Pumprisse beginnen: Das gab dem Fels Zeit, einigermaßen abzutrocknen. Beim Queren war Kiene bei der Erstbegehung mehrmals gemeinsam mit einem Haken abgeflogen. Mein Partner folgte dem großen Vorbild und brachte seinen Flugmeterstand mit zwei Stürzen elf Meter weiter. Dann warf er sich in den gefürchteten Körperriss. Dass der letzte Keil, ein Zwölferhex, zehn Meter unter ihm lag, schien ihn erst richtig zu beflügeln – nein, das Wort passt nicht in den engen Felsschlauch, sagen wir lieber: Er trieb seinen Leib mit der Energie eines Presslufthammers nach oben. Hoch über mir ruckten mal ein Fuß, mal eine Hand aus dem Schlund, dann war der Vorsteiger eineinhalb Stunden lang verschwunden.

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Ein dünner Schrei – das Seil straffte sich. War er gefallen oder hatte er Stand? Das würde ich weiter oben erfahren.

Der Fels nahm mich sofort in den Schwitzkasten. Jetzt wusste ich, wie einem gut sitzenden Klemmkeil zumute ist. Durch Rütteln mit Zehen- und Fingerspitzen gewann ich ein paar Kubikmillimeter Raum, bohrte den Kopf in den Fels, sprengte den Riss mit den Schultern – ein Arm und ein Bein waren draußen. Ich hatte die Grundregel des Kletterns im Körperriss begriffen: Du lehnst dich so weit hinaus, dass du glaubst, herauszufallen, tust es aber nicht.

Doch wie kommt man nach oben? Es sieht aus wie vertikales Brustschwimmen und hört sich bei Nichtsachsen an wie das Schnauben eines zu Tode gehetzten Flusspferdes.

Vom Rest der Tour weiß ich nur noch, dass wir rücksichtslos alle Haken benutzten, die wir fanden, und einige, die mein Partner dazuschlug. „Die Pumprisse sind eh keine Freiklettertour, man muss im Quergang sowieso Haken benutzen“, sagte ich.

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Weil wir den Herrweg kannten, hetzten wir den Nordgrat zum Fleischbankgipfel hinauf. Dort war es dann so finster, dass wir gerade noch unterscheiden konnten, wo der Fels anfing und der Himmel aufhörte. Dass wir die Abseilhaken fanden, beim blinden Klettern im Zweiergelände nicht abstürzten, in der Steinernen Rinne kein Bein brachen, war pures Glück. Bekanntlich hat das auf Dauer nur der Tüchtige. Unsere Pumpriss-Beegehung ist jetzt etwa 35 Jahre her. Ich habe mich beim Klettern nie ernsthaft verletzt, und dem Chaos-Kletterer bin ich vor etwa fünzehn Jahren begegnet, er war putzmunter.

Irmgard Braun

Irmgard Braun, Journalistin und ehemalige Redakteurin des Alpin-Magazins, schreibt Krimis im Kletter- und Bergsteigermilieu. Seit den 80er Jahren ist sie eine Insiderin der Kletterszene: Zuerst Alpinistin und Erstbegeherin von Sportkletterrouten, dann Mitglied der deutschen Sportkletter-Nationalmannschaft. Mit ĂĽber 60 Jahren klettert sie so begeistert wie eh und je und bis zum 9. Grad.

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