© Mathäus Gartner
Sagen vom Wilden Kaiser

Wie hochmütige Bauern auf den Scheffauer verbannt wurden und der Hintersteiner See entstand

von Sabina Moser Erstellt am 01. Juli 2022

für Kulturinteressierte für Naturfreund*innen für kleine & große Entdecker*innen

Damals, als der Wind den Vögeln noch manches zuraunte, die es den Bäumen weitererzählten, von denen es dann die Tiere in Wald und Berg hörten, die es dem Wasser zuflüsterten, das es ins Tal hinunterwisperte, bis es den Menschen in den Schlaf hineinkroch und sie davon träumten. Damals lebten in Hinterstein zu Füßen des Wilden Kaisers bei Scheffau zwei reiche Bauern, deren Hochmut keine Grenzen kannte.

Sie waren die Herren der beiden stolzen Höfe in dem Tal, wo heute der Hintersteiner See liegt, prassten, was das Zeug hielt und übertrumpften sich gegenseitig in protzigem Gehabe. Sie waren halt auch vom Schicksal gesegnet, der Hintersteiner Lambert und sein Nachbar Nepomuk. Gemeinsam besaßen sie die saftigsten Weiden, auf denen ihre Kühe sich die besten Kräuter einverleibten und dann die fetteste Milch weit und breit gaben. Ihre Weiber putzten sich nicht nur am Sonntag zum Kirchgang ordentlich heraus, sondern trugen auch unter der Woche feines Leinen im Haus, während das Gesinde die Drecksarbeit verrichtete.

„Stoiz wia de Städtischen“, munkelte man im Dorf hinter ihrem Rücken, aber es packte die Leute schon auch der Neid, wenn sie sahen, was sich die beiden Großbauern leisten konnten, nur weil sie über das beste Land in der Scheffau verfügten.

Butter-Kegelei

Doch es genügte Lambert und Nepomuk längst nicht mehr, ihre Truhen zu füllen und mit Wagen und Ross herumzukutschieren. Nein, in ihrem selbstgefälligen Übermut machten sie sich sogar eine Gaudi daraus, am Samstagabend, wenn sie leicht angeheitert von einigen Seiterl Bier beim Weberbauern oder dem Maikircherwirt nach Hinterstein zurückkehrten, im Mondlicht mit Butter zu kegeln.

Dazu stellten sie auf einem Flachstück der Hintersteiner Weide geschnitzte Kegelfiguren auf und holten jeder aus seiner Kühlkammer einen großen Butterklumpen, den sie zur Kugel formten und los ging’s. Die harten Butterknollen wurden natürlich beim Spielen immer weicher und schmolzen rasch dahin, während sie über die holprige Wiese kollerten. Also mussten die Knechte immer wieder in eins der Bauernhäuser laufen und frische Butterklumpen holen. So ging es bis Mitternacht und wer am meisten Holzkegel umgeworfen hatte, ehe die Butter zerronn, hatte gewonnen. Der Verlierer musste dann die nächste Zeche im Gasthaus zahlen.

Die hochmütigen Hintersteiner

© Mathäus Gartner

Da nützte es wenig, dass der Pfarrer am Sonntag von der Kanzel in der Pfarrkirche Scheffau mit Blick auf die Hintersteiner predigte, „Du sollst Gottes Gaben ehren und mit den Armen teilen.“ Lambert verzog keine Miene, doch kramte er bei der Kollekte eine Goldmünze aus seiner Westentasche und ließ sie laut klimpernd in den Beutel fallen.

Nur Wetti, die alte Sennerin von der Steiner Hochalm, traute sich auszusprechen, was alle in der Scheffau dachten. „A Frevel is, was die Hinterstoaner da aufführ‘n“, hörte man sie gelegentlich schimpfen. „Im Rahm baden und an Butter vergeuden. A Sünd‘ is und werd scho no vergolten wer’n, wenn die Zeit dafür kimmt!“ unkte die Alte und streckte ihren Zeigefinger warnend nach oben.

Butter, Kohl und Rüben

Die Hintersteiner aber ließen sich ihr liederliches Spiel nicht verdrießen, sondern trieben es immer ärger. So trafen sich die Bauern mit ihren Weibern und Gesinde sogar am Abend vor dem hohen Feiertag Fronleichnam zum Kegelspiel auf der Weide. Da sie dieses Mal in großer Runde kegelten, brachten die Mägde und Knechte neben den Butterkugeln auch Kohlköpfe und große runde Rüben aus den Vorratskammern der Höfe. Dazu wurden einige Fässer Bier hergerollt und Trinkkrügerl beigeschafft. Bald hallte das Tal vom Lachen und Johlen der zwei konkurrierenden Partien wider, während der Mond über dem Waldrand das Spielfeld beschien.

Einzig die junge Kuhmagd vom Nepomuk war nicht mitgekommen und saß allein auf dem Bankerl vor dem Haus, von wo sie das wilde Treiben mit Abscheu betrachtete. Emmerenz war sonst Geselligkeit nicht abgeneigt, doch der Hochmut ihrer Dienstleute war ihr nicht geheuer und insgeheim hatte sie bereits beschlossen, sich nach einer anderen Stelle bei gottesfürchtigeren Bauern umzusehen. Vielleicht meinte es ja auch der Bernhard von Bärnstatt ernst mit ihr, der sie beim letzten Kirtag immer wieder zum Tanz geführt und ihr dabei tief in den Ausschnitt und die Augen geschaut hatte.

Später am Abend, wenn die Kegelpartie zu Ende war, würde sie noch die heimischen Kühe über Nacht auf die Weide treiben, wo jetzt gespielt wurde. Sie stieg in ihre Kammer hinauf und legte sich in ihrem Gewand aufs Bett. Es würde sicher noch Stunden dauern, bis die Kegelrunde schlafen ging.

Flucht nach Bärnstätt

Kurz vor Mitternacht leuchtete ihr der Mond durchs offene Fenster direkt ins Gesicht und Emmerenz wachte auf, stieg leise die knarrende Stiege hinunter und schlüpfte in ihre Holzschuhe vor der Tür. Still und friedlich lag die Hintersteiner Weide vor ihr im silbernen Glanz des Mondes. Rasch öffnete sie das Stallgatter und ließ die müden Kühe in die laue Sommernacht hinaustraben. Sie selbst wollte sich nun richtig schlafen legen, ehe sie um fünf Uhr früh die Kühe molk. Oben in ihrem Bett fiel sie sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Aber keine zwei Stunden später fuhr die Magd in ihrer Kammer erschreckt hoch, als der Blitz krachend in das Gebälk über ihr einschlug. Draußen tobte ein nächtliches Gewitter und rüttelte am alten Haus. „I muaß die Küah einabringa“, schoss es Emmerenz durch den Kopf und sie warf rasch ihre Kleider über, ehe sie die Stiege hinuntersprang und ins Freie lief. Die ganze Senke der Hintersteiner Weide stand bereits knietief unter Wasser, die durchnässten Tiere suchten am Waldrand eng beisammen Unterschlupf. Emmerenz hastete auf sie zu, um sie in den Stall zu führen, während der Regen auf sie niederprasselte und der Donner unheilvoll grollte. Da schwankte mit einem Mal der Almboden unter ihren Füßen.

Emmerenz trieb in Panik die laut muhenden Kühe, in den Wald hinein und auf der anderen Seite über den Seebach auf Bärnstatt zu. Da wollte Emmerenz beim Bernhard bitten, dass sie sich unterstellen durften, bis das Gewitter vorüber war.

Als die Kuhmagd und ihre Herde beim Hof zu Bärnstatt eintrafen, hatte der heftige Sommerregen nachgelassen. Überhaupt schien es Emmerenz, dass an dieser Stelle das Unwetter weniger gehaust hatte. Die Kühe strebten nun dem almigen Boden rund um die St. Leonhard Kapelle zu, wo sie sich in einem Halbrund niederlegten. Die Magd folgte ihnen und setzte sich in die Kapelle, wo sie für den Beistand in der stürmischen Nacht dankte. Während sie noch betete, fiel ihr das Kinn auf die Brust und schließlich der Kopf auf ihre Unterarme aufs Betbankerl, wo sie der Schlaf übermannte.

Der Untergang der Hintersteiner

Emmerenz verschlief das gewohnte Aufstehen um Fünf, es war schon heller Morgen, als sie die steifen Glieder streckte und vor die Kapelle ins Sonnenlicht trat. Da kam ihr der junge Bärnstattbauer vom Hof her entgegen.

„Hobt’s enk valaffen oder macht’s an Urlaub bei uns herent?“ lachte Bernhard die Emmerenz schelmisch an, während er sie von Kopf bis Fuß musterte. Als er die zerknitterten Kleider von ihr sah, wurde sein Gesicht plötzlich ernst. „Is am End nix passiascht bei enk droben in Hinterstoa?“ erkundigte er sich nun besorgt. „Mitten a der Nacht hat‘s a Wetter gebn. S’Wasser is wia aus de Zuber außag’schoss‘n und der Boden hat bebt und i bin mit de Küah in den Woid eini und zu enk umma. Aber da war ois trock‘n und ruhig“, erklärte ihm Emmerenz.

„Aft schaun ma z’samm, wia’s in Hinterstoan tuat“, gab der Bärnstatter zurück und trieb auch schon die Kühe zum Wald hin. Emmerenz folgte ihm wortlos und dankbar. Als sie bei der Anhöhe über Hinterstein kurz vor Greidern wieder aus dem Wald herauskamen, blieben Emmerenz und Bernhard wie angewurzelt stehen, Augen und Münder weit aufgerissen. Vor ihnen lag ein wunderschöner See, wo noch gestern die stattlichen Hintersteiner Höfe auf dem Weideland gestanden waren.

Fassungslos starrten Magd und Jungbauer auf das türkisblaue Wasser, als sich unweit unter den Ästen etwas regte und der kleine Hüterbub Hansei hervorkroch. Erleichtert lief er auf Emmerenz zu und schlang seine mageren Arme um ihre Schürze. Er war gestern erschrocken vom Gewitter in den Wald gelaufen. „Da hob i mitten in dem Weda a Donnerstimm vom Himme oba g‘hert, die g’schrian hat“, brach es aus dem kleinen Kuhhirten hervor, der sich nun bemühte, Hochdeutsch zu reden: „Zur Straf‘ für euer gottlos Spiel müasst‘s Kegel schieben ohne End, solang der Koasa hat Beständ.“

Bei der Fronleichnamsprozession an jenem Tag sprach es sich in Scheffau in Windeseile herum, dass die hochmütigen Hintersteiner mit Maus und Mann untergegangen waren und die alte Sennerin Wetti nickte vielsagend.

Bärnstatt-Bernie nutzte die Gunst der Stunde auf seine Weise und machte der heimatlos gewordenen Emmerenz einen Antrag. Er gab seiner Braut einen Kuss auf den Mund und sie nickte erfreut über die Wende, die ihr Schicksal über Nacht genommen hatte.

Tatsächlich berichteten bald darauf Wanderer, dass sie eines Abends auf der Rückkehr von einer Bergtour aus einem Felskessel unterhalb des Scheffauer Gipfels lautes Rumpeln und Wehklagen hörten. Beim Näherkommen sahen sie schemenhafte Gestalten, die ohne Unterlass Gesteinsbrocken auf dem Moosteppich hin und her rollten. „Weh mir, erbarm‘, wann hat des an End? Wenn i nur an Frieden fänd!“ stöhnten sie dabei. Da wussten die Leute im Dorf, dass die stolzen Hintersteiner auf den Scheffauer hinauf verbannt worden waren.

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Sei es, um den Verfluchten ihr nächtliches Spiel zu erleichtern, sei es zur eigenen Kurzweil, jedenfalls errichteten einige Scheffauer oben in der Mulde unterhalb der Bergspitze eine richtige Kegelbahn, zu der sie an manchen Sonntagen über Hinterschießling und weiter hinauf an der „Veitskirche“ vorbei stiegen, um sich in luftiger Höhe eine ausgelassene Partie zu liefern. Die Kegel wurden aber mit Kugeln aus Holz angeschoben und nie wieder mit Butterknollen, das ließen sich die Bauern ein für alle Mal eine Lehre sein.

Hört ihr Leut die Moral von der Geschicht:

„Wer Gott und seine Gaben schmäht,
all sein Gut verliert und selbst vergeht.
Muss Buße tun und lang bereu’n,
vielleicht wird man ihm dann verzeih’n.“

Von Sabina Moser nach der Sagensammlung von Anton Karg und „Wandern zu Sagen und Mythen im Wilden Kaiser“ von Herbert Jenewein

Wandere auf den Spuren der Sage

Sabina Moser

Die Filmemacherin, Buchautorin und ehemalige Journalistin kümmert sich in Ellmau um die Chronik und Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Dabei fotografiert die gebürtige Kitzbühelerin auch leidenschaftlich gerne. Besonderen Spaß hat es ihr gemacht, alten Legenden aus den Gemeinden am Wilden Kaiser nachzuforschen und sich dazu Geschichten auszudenken, die sie nun als „Neue Sagen vom Wilden Kaiser“ veröffentlicht.

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2 Kommentar(e)

Helga Weiss

16.07.2022 - 12:36 Uhr

Sehr schöner Beitrag zu der wunderschönen Gegend. Schade dass ich ihn erst nach meinem Urlaub gesehen habe, sonst hätte ich es mir nicht nehmen lassen den Hintersteiner Rundweg zu begehen. Aber vielleicht beim nächsten mal.

Bayerlein Christa

19.07.2022 - 14:48 Uhr

Wie oft haben mein Mann und ich in unseren Urlauben auf dieses Kircherl geschaut aber die Saga kannte ich nicht lb Dank

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