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Die Zähmung des Wilden Kaisers - 200 Jahre Alpingeschichte

Von Gipfelkreuzen und Gipfelbüchern

von Gebhard Bendler 25. Juli 2017

für Outdoor-Begeisterte für Kraxler*innen für Wissenshungrige

Der Alpinist bemühte sich von Beginn an, seinen Aufstieg, seine Leistung zu dokumentieren und zu kommunizieren. Er wollte der Nachwelt einen Beweis seines Da(gewesen)seins liefern – wobei es im Kaisergebirge und auch anderswo zuerst fast ausschließlich Männer waren, die in den kleinen Vereinszirkeln nach sozialer Anerkennung für ihre alpinen „Eroberungen“ und ihre Abenteuer strebten; sie wollten sie als Heldentaten gefeiert wissen.

Dabei spielte zunächst die Gipfelflasche eine wichtige Rolle: Eine Flasche hatte man meist im Rucksack dabei, um mit dem Inhalt den Durst zu löschen oder – wenn es sich dabei beispielsweise um Wein handelte – auch den „Gipfelsieg“ zu feiern. Als Karl Hofmann als erster Tourist 1869 die Ellmauer Halt bestieg, geführt von Mall-Hansl, hinterließ er eine Flasche mit seinen Daten, wie er berichtet. [1]

© Roland Schonner

Und auch in den 1870er Jahren, als Hofmann und Carl Babenstuber, meist ebenso unter Anleitung des Bergführers Mall-Hansl, Gipfel um Gipfel im Wilden Kaiser erstiegen, deponierten sie dort eine geleerte Flasche, in die sie ihre Visitenkarten steckten. Damit die nächsten Bergsteiger die Flasche schnell fanden, bauten sie einen Steinmann darum herum. Manche Bergsteiger errichteten ausschließlich einen Steinmann und hinterließen ihre Visitenkarte ungeschützt am Fundament ihres Baues. Die nächsten Gipfelbezwinger nahmen die Visitenkarte mit und hinterließen stattdessen ihre eigene. Oftmals übergab oder schickte der Wiederholer dann die mitgenommene Visitenkarte dem Erstbegeher, als Beweis der eigenen Leistung.

Da Visitenkarten aus Papier rasch verfaulen, verkaufte eine Blattgold-Firma sogar spezielle Gipfel-Visitenkarten aus Aluminium. Die gegen Witterungseinflüsse ziemlich unempfindliche Ware sei mit einer Goldschrift besonders elegant ausgestattet, hieß es in der Werbung. Wer sich damals überhaupt das eher exklusive Bergsteigen samt Führer leisten konnte, konnte sich wohl auch diesen Luxusartikel leisten. Wie gut er sich verkaufte, ist leider nicht überliefert. [2] Auf längere Zeit hin durchgesetzt hat er sich jedenfalls nicht.

Aus der Visitenkarte wurde später ein Buch und aus der fragilen Flasche eine stabile, Wind und Wetter trotzende Blechbüchse. Welche Höhe wohl heute ein gut frequentierter Gipfel wie beispielsweise die Ellmauer Halt erreichen würde, wenn jede Visitenkarte eines Besteigers auf dem sich ständig vergrößernden Kartenhaufen verblieben wäre?

© Roland Schonner Fotografie

Im Jahr 1873 deponierten Bergsteiger das erste Gipfelbuch – oder Fremdenbuch, wie man damals auch sagte – auf der Ellmauer Halt. 1880 errichteten Bergsteiger einen Obelisken aus Zink auf dem Treffauer: die sogenannte Hofmannsäule. Das war das erste Gipfelzeichen auf einem Kaisergipfel. Darin eingearbeitet fand sich eine Schublade mit einem stattlichen Gipfelbuch, das an den Ecken mit hübschen Messingbeschlägen ausgestattet war. Das erste Gipfelzeichen im Kaisergebirge war also kein Gipfelkreuz. Die Form des altägyptischen Obelisken als Denkmal zu verwenden, war nicht neu und im 19. Jahrhundert verbreitet.

Worum es sich bei einem Gipfelkreuz handelt: um ein rein religiöses Symbol oder doch mehr um eine profane Gipfelmarkierung als ein Zeichen der menschlichen „Eroberung“ des Bergs? Diese Frage wird von Historikern und Philosophen gerne diskutiert. Einige interpretieren es als Symbol der Aufklärung, weil die wissenschaftliche Erkundung und Vermessung von Bergen das primäre Ziel der frühen Expeditionen war. Somit dokumentiere ausgerechnet das christliche Kreuz in diesem Fall pardoxerweise vielmehr die Wende vom Zeitalter des irrationalen Glaubens hin zum Zeitalter der logischen Wissenschaft und Vernunft.

1882 errichtete die Alpenvereinssektion Kufstein auf der Pyramidenspitze im Zahmen Kaiser ein Kreuz, nachdem 1881 ein Weg dorthin gebaut worden war. Ein Jahr später, 1883, als auch die erste Alpenvereinshütte im Kaisergebirge eröffnet wurde, stellte die Sektion Kufstein erstmals Blechkästen mit Büchern auf dem Sonneck und dem Stripsenjoch auf. Bald fanden sich Gipfelbücher auch auf dem Scheffauer und weiteren Kaisergipfeln – allesamt relativ leicht zu erreichende Gipfel.

© Roland Schonner

Im Gipfelbuch der Ellmauer Halt wurden, 1884, 51 Personen gezählt. [3] Im Vergleich dazu hatten zwischen 1869 und 1881 insgesamt nur 63 Touristen die Halt bestiegen. Für das Jahr 1901 gab es bereits 1063 Einträge. Die Alpenbegeisterung war innerhalb weniger Jahre immens gewachsen. Heute gibt es auf der Ellmauer Halt kein Gipfelbuch mehr. Man müsste ein solches wohl mehrmals in der Saison austauschen, da die Besteigungszahl mittlerweile mehrere Tausend umfasst.

Ähnlich beeindruckend ist die folgende Statistik über die Gipfelbucheinträge auf dem viel schwierigeren Totenkirchl, das 1880 noch als unersteiglich galt. 1921 wurden bereits 1290 Besteigungen jährlich gezählt. Die hohe Zahl erklärt sich auch daraus, dass sich damals das Gros der Kletterer auf diesen „Modeberg“ konzentrierte. Heute verteilen sich die Kletterer auf viel mehr Routen im gesamten Gebiet.

© Gebhard Bendler

Die Gipfelbücher dienten aber nicht nur der Erstellung von Statistiken, sondern waren bei Vermisstensuchen wichtige Informationsquellen für die Retter. Oft war der Gipfelbucheintrag leider das letzte Lebenszeichen.

Die meisten Gipfelkreuze im Wilden Kaiser wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Neben Kreuzen gibt es auch noch Pavillons (auf dem Stripsenkopf) und winzige Hütten (Babenstuberhütte auf der Halt) auf bzw. im Nahbereich von Gipfeln.

[1] Vgl. Hofmann: Das Kaisergebirge (wie Anm. 52), S. 539.
[2] Vgl. Mitteilungen des DuOeAV 18 (1892), S. 287.
[3] Tätigkeitsbericht für das Jahr 1884, in: 50 Jahre Alpenvereinssektion Kufstein 1877–1927, S. 31.

Gebhard Bendler

Gebi ist nicht Buchautor und Experte in Sachen Geschichte und Gebirgsforschung, sondern auch fanatischer Kletterer seit mehr als 20 Jahren. Als Chefredakteur des renommierten Magazins bergundsteigen bleibt ihm zwar meist weniger Zeit für seine Tätigkeit als Bergführer als ihm lieb ist, aber auch am Wilden Kaiser kann man Gebi immer wieder in den Felsen antreffen. Als Autor des Buches Wilder Kaiser – von Sommerfrischlern, Kletterlegenden, Skipionieren und dem Bergdoktor hat er sich die letzten Jahre intensiv mit der Geschichte der Region Wilder Kaiser auseinandergesetzt und kennt die Hintergrundstories und zahlreiche lustige Anekdoten, wie kaum ein Zweiter. Neben seinem wissenschaftlichen Hintergrund trägt dazu auch bei, dass er - aufgewachsen auf der Nordseite des Wilden Kaisers - ein echter "Local" ist.

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